Radikalisierung Online läuft selten über Argumente. Sie adressiert Bedürfnisse wie Zugehörigkeit und Identität und nutzt dabei gezielt die affektiven Verstärkungsmechanismen digitaler Plattformen. Gegenargumente, die diese Bedürfnisse nicht adressieren, werden ignoriert oder gar als Angriff eingestuft – ein Grund, warum Faktenchecks und Debunking oft zu negativen Backfire – Effekten führen.Wer hier mit Faktenkorrektur antritt, setzt falsch und zu spät.
ODA funktioniert auf einem anderen Kanal. Sie bedient sich einem breiten Spektrum an Methoden aus der Offline-Distanzierungsarbeit (unser BRAKE-Ansatz) Radikalisierungsprävention (P/CVE), Systemischen Arbeit, Counter-Extremism Campaigning sowie Informations- und Medienbildung.
Doch noch wichtiger als die Methode selbst ist der Kompass – ohne das Wissen wann welcher Ansatz am besten passt, bleibt jedes Werkzeug stumpf. Aus dem Grund haben wir nicht nur unser Toolkit entwickelt, sondern auch das passende Koordinatensystem für diverse Settings, Ziele und Zielgruppen.
Debattenkultur
halten soziale Medien für keinen Raum konstruktiver Debatten
wünschen sich dies jedoch ausdrücklich.
fordern die konsequente Löschung von Beleidigungen und HateSpeech/Falschbehauptungen.
Quelle: pollytix strategic research gmbh (im Auftrag von die medienanstalten – ALM GbR): Transparenz-Check. Digitale Diskussionsräume – Diskursqualität & Beteiligung unter journalistisch-redaktionellen Beiträgen in Sozialen Medien. Berlin 2026. Repräsentative CAWI-Befragung, n = 3.003 deutschsprachige Internetnutzende ab 16 Jahren (Erhebung: Dezember 2025).
Unser BRAKE-Ansatz
Beziehung
Im Rahmen der Distanzierungstrainings versuchen wir, zu den Klient*innen eine pädagogische Beziehung zu etablieren. Eine tragfähige pädagogische Beziehung ist die Basis für jedes Training und bildet die Basis, um zu intervenieren. Nur in einer vertrauensvollen Beziehung werden die Teilnehmenden sich öffnen und damit Kritik reflektieren.
Reflexion
Ziel ist es, bei den Klient*innen Reflexionsprozesse anzuregen. Sie sollen dazu bewegt werden, sich selbst kritisch zu hinterfragen, Einsichten zu gewinnen und neue selbstgesteckte Ziele anzustreben. Diese Verfahrensweise trägt wesentlich zur Distanzierung von tieferliegenden menschenverachtenden Einstellungen bei.
Aufsuchend
Der aufsuchende Aspekt ist von besonderer Bedeutung und prägt unsere Arbeit im gesamten Prozess. Grundlegend für unsere Herangehensweise ist, dass wir nicht ein Angebot bereitstellen, dass lediglich abgerufen werden kann, sondern, dass wir aktiv auf Klient*innen in spe zugehen. Das bedeutet konkret, dass die Arbeit nicht mit einer Distanzierungsmotivation beginnt, sondern Einstellungen von außen problematisiert werden. Dies erfordert eine enge Kooperation mit sensibilisierten Fachkräften im Alltag einstiegsgefährdeter junger Menschen.
Kritik
K (Kritik): Nicht zuletzt braucht es auch deutliche Kritik an den Ideologiefragmenten, Generalisierungen und Vorurteilen. Diese Kritik stellt die Beziehung jedoch nicht in Frage, sondern kann sie sogar stärken. In manchen Fällen wird sie auch dem jugendlichen Reibungsbedürfnis der Teilnehmenden gerecht und erzeugt damit Neugier an einer neuen Perspektive auf ein Thema. Mit Hilfe einer kritischen Haltung wird bewusst die Beziehungsebene genutzt, um zu vermitteln, dass einige Eigenschaften an der Person geschätzt werden. Bestimmte politischen Einstellungen wiederum werden problematisiert und/oder abgelehnt.
Entwicklung
Bei den Teilnehmenden wird im Trainingsverlauf ein Entwicklungsprozess in Gang gesetzt, der eine weitere extrem rechte Sozialisation verhindern soll und möglichst neue Perspektiven für ein respektvolles Miteinander eröffnet. Distanzierungsprozesse sind schlussendlich als Transformationsprozesse der Identitätsbildung zu begreifen. Dies beinhaltet ein Menschenbild, das es allen zugesteht, sich zu verändern. Diesen Transformationsprozess wollen wir mit dem aufsuchenden BRAKE-Ansatz aktiv gestalten.
Was wir messen — und was nicht
Was wir dokumentieren: Interventionen nach Plattform, Setting und Phänomenbereich; eingesetzte Methoden; Gesprächsbereitschaft (hat die Person reagiert, wie viele Antworten gab es); qualitative Tonveränderungen im Gesprächsverlauf; Weitervermittlung in Offline-Angebote.
Was Praxisannahme bleibt: Die Übertragbarkeit analoger Distanzierungsmethoden — einschließlich BRAKE — auf den digitalen Raum ist methodisch plausibel, aber für den ODA-spezifischen Online-Kontext nicht systematisch evaluiert. Das gilt auch für Prebunking bei bereits radikalisierten Personen: Die Evidenz liegt vor allem für primärpräventive Zielgruppen vor.
Was sich kaum messen lässt: Ob jemand nach einem ODA-Gespräch tatsächlich weniger radikalisiert ist, lässt sich kausal nicht nachweisen. Distanzierungsprozesse dauern, sie verlaufen nicht linear, und der Beitrag einer einzelnen Intervention bleibt selten isolierbar.
Diskurspflegenorm

83 %
halten es für wichtig, respektvollen Diskurs zu unterstützen
12 %
haben Gegenrede geleistet

75 %
halten es für wichtig, gegen Hetze einzutreten
12 %
haben Hasskommentare gemeldet (15 % an Plattformen)

71 %
halten es für wichtig, auf Falschmeldungen hinzuweisen
32 %
haben Faktencheck gemacht
25 %
andere gewarnt
Was hat ODA bisher geleistet?
226
dokumentierte Einzelfälle
Was bringt Distanzierungsarbeit überhaupt?
Erfolgsbilanz von P/CVE-Programmen
74 Programmevaluationen, 70.134 Teilnehmende (Charkawi et al.)
32 %
erfolgreich
55 %
begrenzt erfolgreich
8 %
gescheitert
5 %
nicht klassifiziert
Quelle: Charkawi, Dunn & Bliuc (2024). Evaluations of countering violent extremism programs. International Journal of Law, Crime and Justice, Bd. 77. DOI: 10.1016/j.ijlcj.2024.100674